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Magnesium bei Tinnitus: Was Leitlinie und Studien belegen

Kurzantwort: Eine Hilfe von Magnesium bei Tinnitus ist nicht belegt. Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ von 2021 empfiehlt mit starkem Konsens, auf Nahrungsergänzungsmittel zu verzichten, weil randomisierte Studien keinen Unterschied zu Placebo zeigen. Die einzige Magnesiumstudie mit Tinnituspatienten hatte 26 Teilnehmer, keine Kontrollgruppe und 532 mg am Tag über drei Monate. Eine Studie mit 300 Rekruten fand weniger Lärmschwerhörigkeit unter 167 mg Magnesium, sie hat Tinnitus aber nicht gemessen.

Wichtig: Dieser Text ersetzt kein ärztliches Gespräch. Setze ein Medikament nie eigenmächtig ab und ändere die Dosis nicht ohne Rücksprache. Ein neu aufgetretener Tinnitus, vor allem zusammen mit plötzlichem Hörverlust, gehört laut Leitlinie zeitnah in HNO-ärztliche Behandlung; dafür gilt die Leitlinie Hörsturz. Bei Herzstolpern, Muskelzuckungen oder Krampfanfällen unter Magnesiumpräparaten gehe sofort zur Ärztin.

Wer seit Monaten ein Pfeifen oder Rauschen im Ohr hört, findet online schnell Magnesium als Tipp: Es soll die Hörzellen schützen und den Ton leiser machen. Die Idee stammt aus Studien zu Lärmschäden. Ob sie für Tinnitus trägt, hat die deutsche Leitlinie geprüft.

Hier findest du, was die S3-Leitlinie zu Nahrungsergänzungsmitteln festhält, was die beiden Magnesiumstudien tatsächlich gemessen haben, welche Behandlungen die Leitlinie stattdessen empfiehlt und was gilt, wenn du Magnesium trotzdem ausprobieren willst.

Was die S3-Leitlinie festhält

Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ (AWMF 017/064, Stand September 2021) der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde gilt für Tinnitus, der länger als drei Monate besteht. Zu Nahrungsergänzungsmitteln formuliert sie in Abschnitt 4.1.10 eine evidenzbasierte Empfehlung: „Auf Nahrungsergänzungsmittel sollen bei chronischem Tinnitus verzichtet werden.“ Evidenzstärke 1c, kein Wirksamkeitsnachweis, starke Empfehlung, Konsens 100 Prozent.

Die Begründung: Auf Grundlage randomisierter Studien gibt es keine Hinweise, dass Vitamine, Mineralien oder Pflanzenpräparate den Tinnitus beeinflussen. Es besteht keine Evidenz, dass sie sich von Placebo unterscheiden, weder bei der Tinnitusreduktion noch bei den Nebenwirkungen. Geprüft wurden unter anderem Lipoflavonoide, Knoblauch, Homöopathie, chinesische und koreanische Kräutermedizin sowie verschiedene Vitamine und Mineralien. Ginkgo und Zink werden gesondert bewertet, ebenfalls ohne Wirksamkeitsnachweis.

Die Magnesium-Pilotstudie von 2011

Cevette und Kollegen an der Mayo Clinic in Scottsdale gaben 26 Patienten mit mittlerem bis sehr schwerem Tinnitus drei Monate lang 532 mg Magnesium am Tag. 19 beendeten die Studie. Die Belastung, gemessen mit dem Tinnitus Handicap Inventory, nahm bei Teilnehmern mit mindestens leichter Beeinträchtigung statistisch signifikant ab (p = 0,03).

Die Studie war einarmig und offen: Alle bekamen Magnesium, niemand Placebo, alle wussten, was sie nahmen. Die Autoren schreiben selbst, dass eine Placebokontrolle nicht durchgeführt wurde, weil es nur um die Frage ging, ob überhaupt ein Effekt sichtbar ist. Ob die Besserung vom Magnesium kam oder von der Erwartung, lässt sich damit nicht unterscheiden. Genau deshalb zählt sie in der Leitlinie nicht als Wirksamkeitsnachweis.

Lärmschwerhörigkeit: die Studie mit 300 Rekruten

Die zweite oft zitierte Arbeit stammt von Attias und Kollegen aus dem Jahr 1994. 300 junge Rekruten mit normalem Gehör bekamen während zwei Monaten Grundausbildung mit Schießlärm täglich ein Getränk mit 167 mg Magnesium als Aspartat oder ein Placebo, doppelblind und placebokontrolliert. Bleibende Hörschwellenverschiebungen durch Lärm traten in der Placebogruppe häufiger und stärker auf, besonders beidseitig.

Gemessen wurde die Hörschwelle, nicht Tinnitus. Die Studie zeigt einen möglichen Schutz vor Lärmschäden bei jungen Menschen mit gesundem Gehör und Gehörschutz. Für einen bestehenden, chronischen Tinnitus sagt sie nichts aus.

Warum Magnesium überhaupt diskutiert wird

Cevette und Kollegen begründen ihre Studie mit Befunden zu lärmbedingtem und idiopathischem Hörverlust, bei denen Magnesium den Hörverlust und die Schwere des Tinnitus mindern könnte, sowie mit der Beobachtung, dass viele Menschen weniger Magnesium aufnehmen als empfohlen. Die EU erlaubt für Magnesium die Angabe, dass es zu einer normalen Funktion des Nervensystems beiträgt. Das ist eine Aussage über die Grundversorgung, keine über Tinnitus.

Was laut Leitlinie hilft

Die Leitlinie nennt drei Bausteine, die empfohlen werden können: Counselling, also ärztliche Aufklärung und Beratung über den Tinnitus, psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie und hörverbessernde Maßnahmen, etwa Hörgeräte bei begleitender Schwerhörigkeit. Keine oder unzureichende Evidenz sieht sie für Medikamente einschließlich Nahrungsergänzungsmittel, für Sound- und Musiktherapien und für Neuromodulation wie transkranielle Magnetstimulation.

Für die Arzneimittelgruppe formuliert die Leitlinie eine Nichtempfehlung für Betahistin, Ginkgo, Antidepressiva, Benzodiazepine, Zink, Melatonin, Cannabis, Oxytocin, Steroide und Gabapentin. Die Behandlung häufiger Begleiterkrankungen wie Angststörungen und Depressionen ist davon ausdrücklich ausgenommen.

Wenn du Magnesium trotzdem probieren willst

Ein Schaden durch Magnesium bei Tinnitus ist nicht beschrieben, ein Nutzen ebenso wenig. Wer es versuchen will, bleibt nach Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung bei höchstens 250 mg am Tag aus Nahrungsergänzungsmitteln, verteilt auf zwei oder mehr Portionen. Die 532 mg der Pilotstudie liegen deutlich darüber; die Gebrauchsinformation von Magnesium Verla N Dragées nennt Durchfall als gelegentliche Nebenwirkung hoher Dosen. Bei eingeschränkter Nierenfunktion gehört jedes Magnesiumpräparat in ärztliche Hand. Bleibt der Ton unverändert, entspricht das der Studienlage.

Häufige Fragen

Hilft Magnesium bei Tinnitus?

Nicht belegt. Die S3-Leitlinie empfiehlt, auf Nahrungsergänzungsmittel zu verzichten, weil kein Unterschied zu Placebo gezeigt ist.

Welche Dosis wurde in der Tinnitusstudie verwendet?

532 mg am Tag über drei Monate, bei 26 Patienten ohne Kontrollgruppe. Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel höchstens 250 mg am Tag.

Schützt Magnesium vor Lärmschäden?

Bei 300 Rekruten mit 167 mg Magnesium am Tag traten weniger bleibende Hörschäden auf. Tinnitus wurde in dieser Studie nicht gemessen.

Kann ein Magnesiummangel Tinnitus auslösen?

Dafür gibt es in der Leitlinie keinen Beleg. Ein nachgewiesener Mangel wird ärztlich behandelt, unabhängig vom Tinnitus.

Was hilft bei chronischem Tinnitus wirklich?

Laut Leitlinie Counselling, kognitive Verhaltenstherapie und Hörversorgung bei Schwerhörigkeit.

Wann muss ich mit Tinnitus sofort zum Arzt?

Bei neu aufgetretenem Tinnitus, vor allem mit plötzlichem Hörverlust. Die Leitlinie verweist dafür auf die Leitlinie Hörsturz.

Quellen

Redaktion vitalatlas.de — hier wird zusammengetragen, was Fachgesellschaften, Behörden und Studien zu Vitaminen und Mineralstoffen sagen. Der Text ersetzt keine ärztliche Beratung.


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